Obwohl ich die NLZ per Ende 2013 verlassen habe, schreibe ich für die Zeitung nach wie vor viele Beiträge als freier Journalist. Diese Woche durfte ich Ernst Schnellmann kennenlernen, der nach 40 Jahren als Primarlehrer im Schulhaus Hubelmatt seine «Schulstube» räumt. So einen wie ihn hätte ich auch gern als Lehrer gehabt.

Ich hoffe Ihr habt beim Lesen so viel Spass, wie ich beim Schreiben dieses Portraits. 

Ernst_Schnellmann_NLZ_Front

 

«Ich bin der Ernst.» Es ist Dienstagmorgen, 7.30 Uhr. Wir treffen Ernst Schnellmann im Café Parterre in der Neustadt. Ein Ort, an dem sich Studenten, Grafiker, Musiker und andere Kreative zum morgendlichen Kaffee oder zur abendlichen Stange treffen. Schnellmann hat das Lokal für unser Treffen vorgeschlagen und der 63-Jährige passt hier hin wie der Bank-CEO an die «Schweizerhof»-Bar.

Herzhaftes Lachen, freundlicher Händedruck, Lockenkopf und eben – sofort das Du. Ernst Schnellmann ist einem auf Anhieb sympathisch. Und so verwundert es nicht, dass die städtische Bildungsdirektion unter all den abdankenden Lehrern gerade ihn als Interviewpartner empfohlen hat. Schnellmann ist einer von 33 Lehrern und Lehrerinnen, die am Mittwochabend im Rathaus durch Stadträtin Ursula Stämmer-Horst verabschiedet wurden.

Wehmut schwingt mit

40 Jahre. So lange war Ernst Schnellmann im Schulhaus Hubelmatt als Primarlehrer tätig. Vier Jahrzehnte – dabei wollte er doch eigentlich Clown werden. «Und dann machts schnipp, und plötzlich bist du pensioniert.» Schnellmann schüttelt den Kopf und lächelt wieder. Er spricht von Vorfreude «auf das, was kommt» – aber auch von Wehmut. «Eben war ich noch ein junger Lehrer, und dann wird einem plötzlich bewusst, dass nun der letzte grosse Lebensabschnitt folgt.» An diesen Gedanken müsse er sich erst noch gewöhnen.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt im Moment nicht. Vier Wochen sinds noch bis zu den Sommerferien, bis zu seinem endgültigen Abschied. Bis dahin will Schnellmann mit seiner 6. Klasse ein «Burgenprojekt», eine Theateraufführung und noch weitere Projekte realisieren. «Ich habe immer versucht, meinen Klassen einen speziellen Abschluss aus der Primarschule zu bieten.» Auch mit seiner allerletzten Klasse verspüre er grosse Lust, nochmals Vollgas zu geben. «Es ist eine dynamische, aufgestellte Gruppe. Die haben das verdient.»

Obwohl sich im Schulwesen in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert hat, sei ihm die Arbeit mit seinen Schülern nie verleidet. «Wohl auch deshalb, weil ich nebst dem Lehrerjob auch noch andere Dinge im Leben hatte.» Als junger Mann war Schnellmann ein ambitionierter Fussballer, und auch die Musik begleitete ihn über all die Jahre. Im Moment arbeitet der Chansonnier an einem neuen Album.

«Früher war man leichtfertiger»

Schnellmann liebte seine «Schulstube», die für ihn viel mehr als nur Unterrichtsort war. Ab und zu verliess er sie aber auch gerne für ein paar Stunden. Am allerliebsten liess er seine beiden Leidenschaften die Schule und die Musik – zusammenfliessen; zum Beispiel bei den Weihnachtsaufführungen im Hubelmatt.

Fragt man Ernst Schnellmann nach den Höhepunkten seiner Karriere, gerät er ins Schwärmen. Mit Freude erinnert er sich an zahlreiche Ausflüge, die er mit seinen Schülern erlebt hat. Mit einer Klasse bestieg er mitten in einer Vollmondnacht den Pilatus, mit einer anderen Gruppe fuhr er mit dem Velo nach Euthal an den Sihlsee. Dinge, die er heute nicht mehr machen könnte. Zu anstrengend, zu gefährlich. «Vielleicht war man früher etwas leichtfertiger.»

Als Mann ein echter Exot

Negative Erfahrungen machte der Lehrer in seiner Zeit im Hubelmatt nur wenige. «Klar gab es immer wieder schwierige oder vorlaute Schüler heute übrigens nicht mehr als früher. Doch damit kommt man klar.» Schnellmann versuchte schwierigen Situationen immer mit Humor zu begegnen. Eine Klasse jedoch brachte ihn vor einigen Jahren an seine Grenzen. Es war das einzige Mal, dass er ernsthaft daran dachte, den Bettel hinzuschmeissen. Mit zeitlichem Abstand betrachtet, gewinnt der Lehrer auch dieser negativen Zeit Positives ab. «Auch solche Erfahrungen braucht es.»

Schwieriger wurde der Umgang mit den Eltern. «Früher war man als Lehrer noch jemand», sagt Schnellmann. Respekt, Wertschätzung, Dankbarkeit das alles spüre er heute weniger. «Manche Eltern meinen heute, sie müssten den Lehrern bei ihrer Arbeit dreinreden.» Das war früher undenkbar. Was sich ebenfalls verändert hat: Als Mann ist Ernst Schnellmann in seinem Berufsfeld ein echter Exot. «Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr junge Männer Gefallen an dem Beruf finden würden.»

Musik, Weinberg, Grossvater

Angst, dass es ihm als Rentner langweilig werden könnte, hat der abtretende Lehrer nicht. Im Gegenteil. «Ich muss wahrscheinlich eher aufpassen, dass ich mir nicht zu viel vornehme.» Er will weiter Musik machen, natürlich. Im Wallis besitzt er einen kleinen Weinberg, den er pflegen möchte. Und dann wird er im Herbst auch noch zum ersten Mal Grossvater. «Nein, langweilig wirds mir bestimmt nicht.» Und wenn er in Zukunft trotzdem mal planlos durch die Stadt spaziert und per Zufall einen ehemaligen Schüler antrifft, so wird Herr Schnellmann ihm die Hand hinstrecken, lächeln und sagen: «Ich bin der Ernst.»

Daniel Schriber