“Man muss kein Basketballexperte sein, um zu erkennen, dass Clint Capela gute Voraussetzungen hat, um im «Sport der Riesen» erfolgreich mitzumischen. Er ist mit seinen 2,08 Metern so gross, dass sich der 1,85 Meter grosse Reporter unserer Zeitung beim Interview wie ein Zwerg vorkommt. Capelas Arme sind so lang, dass es sich wohl jeder Gegner zweimal überlegt, ob er zum Korb ziehen oder den Ball doch gescheiter weiterpassen soll. Und seine Waden sind so kräftig, dass er trotz seines noch etwas schlaksigen Körpers regelmässig mit kräftigem «Slam-Dunk» abschliesst. Im Klartext: Der 19-jährige Genfer wirkt wie der Prototyp eines Basketballspielers. Und er ist drauf und dran, in naher Zukunft seinen Traum von der NBA zu erfüllen. Er wäre nach Thabo Sefolosha der zweite Schweizer, der den Sprung in die beste Liga der Welt schaffen würde.”

 

Die oben stehenden Zeilen habe ich im vergangenen Sommer nach einem Besuch des EM-Quali-Spiels zwischen der Schweiz und Österreich verfasst. Seit meinem damaligen Bericht in der Neuen Luzerner Zeitung hat sich einiges getan: Aus Capelas Traum von der NBA wurde ein realistisches Ziel. Basketballexperten aus der ganzen Welt verfolgen die Entwicklung des Schweizer Talents. Die renommierte Website «nbadraft.net» schreibt: “Capela has become the hottest International name since 2014 began”. Der 19-Jährige sei “as good as any athlete ever coming from Europe.” Im Vergleich zu seinen Jahrgangskollegen (1994) wird Capela im internationalen Vergleich an zweiter Stelle gelistet.

Grund genug, dem jungen Mann in Frankreich einen Besuch abzustatten. In charmanter Begleitung verbrachte Schriber Kommunikation das vergangene Wochenende in Chalon-sur-Saône, einer kleinen Stadt im französischen Burgund. Auf dem Programm stand ein ausführliches Interview mit Capela sowie ein Besuch des Pro A Spiels Elan Chalon – Antibes Sharks. Und dieses hatte es in sich. Unter den Augen mehrerer NBA-Scouts – in der Halle weilten u.a. Vertreter der Sacramento Kings, der Toronto Raptors und der Minnesota Timberwolves – steuerte Capela 22 Punkte und 10 Rebounds zum deutlichen 104:68-Sieg seines Teams bei. Der Genfer wurde anschliessend verdientermassen zum Spieler des Tages gewählt – auch dank Aktionen wie dieser:

 

Oder dieser:

Und ich muss schon sagen: Es ist wirklich ein grosses Vergnügen, Capela beim Spielen zuzusehen. Trotz seiner Grösse ist er schnell wie ein Flügelspieler und mit seinen langen Armen ist er unter dem Korb stets zur Stelle. Capela lässt das Spiel leicht aussehen, fast so, als könnte er noch viel mehr leisten, wenn er denn möchte. «Er verbessert sich jede Woche», sagt Capelas amerikanischer Mitspieler Jon Brockman, der selber schon in der NBA spielte. «Es besteht keinen Zweifel, dass Clint den Sprung in die Liga schafft.»

Natürlich ist Capela noch kein perfekter Spieler. Um in der besten Liga der Welt bestehen zu können, muss er physisch noch einiges zulegen. Und er muss an seiner Wurftechnik arbeiten. Da haperts nämlich noch, wie folgendes Video zeigt:

«Ich bleibe nach jedem Training in der Halle, um an meinen Freiwürfen zu arbeiten», so Capela im Interview. Tatsächlich macht er Fortschritte, trifft mittlerweile 51,4 Prozent seiner Würfe (Letztes Jahr waren es 43,8). Gegen die Sharks aus Antibes sind es am Ende 2 von 6 Treffern. Capela nimmts locker. «Ich bin jung und habe noch genug Zeit, an meinem Spiel zu arbeiten.»

Ob Capela im Sommer tatsächlich in die NBA wechseln wird, entscheidet sich im Juni. Für den Draft angemeldet hat sich der 19-Jährige bislang noch nicht. «Ich habe noch einige Monaten Zeit, um mich zu entscheiden.» Aber natürlich realisiert auch Capela, dass sein Marktwert derzeit so hoch ist wie noch nie. Fast jede Woche reisen Medienschaffende aus der Romandie nach Chalon, um über Capela zu berichten – und beinahe jedes Spiel wird Capela von US-Scouts beobachtet. Wenn sich Capela nicht noch schwer verletzt oder sonst etwas unvorhergesehenes passiert, wird der Genfer am 26. Juni von einem NBA-Team gedraftet. Capela gibt zu, dass der Rummel um seine Person manchmal etwas viel wird. Andererseits: «Besser so, als wenn niemand über mich reden würde.»

 

Was in Chalon sonst noch aufgefallen ist:

  • Frankreich ist, wenn der Trainer nach Spielschluss mit einem Glas Weisswein an der Pressekonferenz erscheint.
  • Wenn Capela in die NBA wechselt, müssen sie in der Halle von Elan Chalon ihr WIFI-Passwort ändern. Es lautet: clintcapela21
  • Zwar wird Clint Capela regelmässig von NBA-Scouts beobachtet – es ist den Talentspähern jedoch strikte untersagt, persönlich mit dem Spieler zu sprechen.
  • Clint Capela wäscht seine Wäsche selber. «Viele Teamkollegen haben jemanden, der das für sie macht. Mir macht das Spass.»
  • Die «Elche» aus Chalon sind in der ganzen Stadt präsent. Die 5000 Zuschauer fassende Halle ist regelmässig ausverkauft und überall im Ort hängen Fan-Plakate . Das verwundert nicht: Weit und breit gibts kein anständiges Fussball-Team…
  • Das Burgund scheint ein gutes Pflaster für Schweizer Talente zu sein: Schon Thabo Sefolosha (heute: Oklahoma City Thunder) hat bei Elan Chalon gespielt. Und nebst Capela stehen derzeit  zwei weitere Schweizer im Chalon-Nachwuchs im Einsatz.

 

Die ausführliche Geschichte über Clint Capela erscheint diese Woche in der Neuen Luzerner Zeitung.

Hier noch einige Eindrücke aus Chalon-sur-Saône